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System: Nintendo DS
USA (2008) Entwickler: BioWare Erschienen bei: Sega Preis: ca.40 € Sonic Chronicles: Die dunkle Bruderschaft bei Amazon.de
Für Sonic geht es jetzt um's nackte Überleben. Vom infernalischen Sonic the Hedgehog auf PS3 und Xbox360 gebeutelt, versucht Segas blaues Maskottchen nun einen Neustart – auf Konsole bedeutet das, dass sich der Igel wieder zaghaft in die zweite Dimension traut, auf DS bringt das einen kompletten Genrewechsel mit sich. Und nachdem Rivale Mario es zu 16-Bit-Zeiten ja schon erfolgreich vorgemacht hat, geht jetzt auch Sonic auf große RPG-Tour und versucht sich mit illustrer Hilfe aus "good, old America" nun am liebsten Genre der Japaner.
Dabei könnte der Ansatz unterschiedlicher sein. Strebte Square und später Intelligent Systems bei Super Mario RPG und den Paper Mario-Spielen nach einer möglichst harmonischen Verquickung von Rollenspiel und Jump’n’Run, presst BioWare das Sonic-Universum mit seinem pelzigen Bewohnern, den Loopings und den karierten Felsen in ein hochgradig klassisches RPG-Gewandt. Hüpfeinlagen sind passé, die klassischen Highspeed-Passagen laufen im Großen und Ganzen automatisch ab und Geschicklichkeitstest beschränken sich auf die rundenbasierten Kämpfe.   Tatsächlich ist Sonic Chronicles viel mehr klassisches Rollenspiel als die Mario-Abenteuer. Die haben im großen Stil den klassischen Genre-Ballast abgeworfen, reduziert und auf die absoluten RPG-Grundlagen eingedampft - Sonic geht den anderen Weg. Level-Ups mit Punkteverteilung auf verschiedene Eigenschaften, Spezialattacken, die individuell erworben werden, ordentlich viel Equipment, kleine Chaos, die Euren Manövern Elementar-Eigenschaften zuweisen oder Euch Energie regenerieren - hier ist annähernd das volle klassische RPG-Regelwerk am Start. Zudem unterscheiden sich Igel und Klempner auch im narrativen Ansatz: Während Mario humorige, selbstreferenzielle Abenteuer erlebt, die sich um keinerlei Kontinuität zu den Hüpf-Vorgänger scheren und die eigenen klassischen Spiel-Elemente gerne mal ordentlich auf die Schippe nehmen, schleppt Sonic einen veritablen Plot- und Figurenballast mit sich herum. Jeder großäuge Hüpf-Held aus mehr als 15 Jahren Sonic-Geschichte tummelt sich in Sonics tragbarem RPG-Reich, in Sachen Plot greift man genauso auf die 16-Bit-Hüpfer, wie auf die Dreamcast- und die späteren Abenteuer des Igels zurück. Und wer jetzt nicht mehr genau weiß, wer Cream the Rabbit ist, was es mit den Chaos-Edelsteinen auf sich hat und warum Sonics kugeliger Widersacher mal Eggman und mal Robotnik heißt, der schaut in die Menüs – dort findet sich eine umfangreiche Enzyklopädie, die euch auf den neuesten Sonic-Stand bringt. Aber ob es all das gebraucht hätte, ist wieder eine andere Frage... wir hätten einen inhaltlichen "Back to the Roots"-Ansatz durchaus begrüßt. Aber so hat man sich auch hier vor allem für die Masse entschieden: Wo Mario in seinen Papier-Abenteuern einen Kumpenen im Schlepptau hat, zieht die Sonic-Party im Viererteam durch die Pampas.
Am deutlichsten zeigt sich BioWares Handschrift dann in den Menüs und den Dialogen: Ein praktisches Questlog hält euch stets auf dem Laufenden, was gerade zu tun ist, das Anlegen von Accessoires oder das Benutzen von Gegenständen ist meist eine kleine Spur zu verschachtelt und wenn Sonic mit Freunden, Feinden oder Passanten redet, hat er stets die Wahl zwischen verschiedenen Antworten, Nachfragen und frechen Erwiederungen mit klassischer 90er-Attitüde. Das ist dann auch eher... hmm... Geschmackssache. Die Kämpfe sind dagegen ganz klassisch japanischer RPG-Standart. Berührt die aktive Figur einen Gegner, wird in einen klassischen 3D-Kampfbildschirm umgeblendet und die Kontrahenten hauen sich menübasiert auf die Glocke. Spezialattacken werden über kleine "Elite Beat Agents"-artige Geschicklichkeitseinlagen per Stylus ausgelöst. Die sind gerade Anfangs ziemlich kniffelig in Sachen Timing, habt Ihr aber den Dreh raus, sind die meisten Kämpfe ein Kinderspiel. Aber die Frage soll gestattet sein: Warum sind die Kämpfe wieder mal in 3D? Das ganze Spiel setzt fast durchgehend auf hübsche 2D-Landschaften. Und würden da liebevoll gezeichnete, detaillierte Kampfsequenzen nicht viel besser passen als die pixeligen Polygon-Arenen mit den ähnlich pixeligen Polygon-Figuren?   Knifflig gestaltet sich auch das Erforschen der Spielwelt. Die ist im Gegensatz zu den kantigen Polygon-Figuren im Kampf hübsch handgezeichnet, kommt aber etwas gedrängt und manchmal fast schon klaustrophobisch daher, allzu viel Auslauf haben Sonic und Anhang leider nicht. Trotzdem hätten wir uns über mehr Kontroll-Optionen gefreut, Ihr steuert das ganze Spiel ausschließlich per Stylus, ein alternatives, klassischeres Kontrollschema hätten wir schon begrüßt. Und da wir schon beim Kritisieren sind... was in aller Welt hat BioWare und Sega bei der Musik geritten? Ein derart grauses Gedudel ist uns schon lange nicht mehr untergekommen. Besonders was dem Spieler in Chaos City um die Ohren gehauen wird, ist schon nah an der Schmerzgrenze. Atonal, piepsig - gerade beim Thema Sonic, dessen 16-Bit-Abenteuer doch allesamt mit richtig, richtig guten Scores aufwarten konnten, ist das eine herbe Enttäuschung. Aber trotz solcher Mängel schlägt sich Sonic in seinem ersten RPG recht Wacker. Die Mischung aus Japan- und West-Elementen gefällt und hält Euch erst mal ein paar Stunden bei der Stange. Trotzdem erwarten wir vom Sequel mehr – da ist noch ordentlich Luft nach oben. Text Copyright Thomas Nickel 2008 Bilder Copyright Sega |