|
UK (1987-1992)
Umfang: 26 Episoden (je ca. 30 Minuten), ein Special (70 Minuten) Buch: Laurence Marks, Maurice Gran, Regie: Geoffrey Sax, Graeme Harper, Produzenten: David Reynolds, Andrew Benson, u.a. Darsteller: Rik Mayall, Michael Troughton, Marsha Fitzalan, Nick Stringer, John Nettleton, Terence Alexander Erschienen bei: Network DVD Preis: ca. 25 € The New Statesman bei Amazon.co.uk
Die Figur des Antihelden hat in der britischen Comedybranche eine jahrzehntelange Tradition. Von Basil Fawlty bis hin zu Rupert Rigsby, Arnold J. Rimmer und Edmund Blackadder kann der Archetyp des durchtriebenen Hurensohns eine lange und glorreiche Laufbahn in der Fernsehgeschichte des Inselreichs vorweisen. Aber egal wie hinterhältig sie auch sind, im erzkonservativen Hinterbänkler Alan B’Stard haben alle, ja wirkliche ALLE anderen Sitcom-Ekel dieser Welt ihren Herren und Meister gefunden!
 
Von 1987-1992 verkörperte Comedy-Star Rik Mayall (u.a. bekannt durch die wegweisende Sitcom The Young Ones und die Rolle des Lord Flashheart in Blackadder) in der TV-Serie The New Statesman den wohl bösartigsten Politiker in der Geschichte des Mediums. Alan Beresford B’Stard ist ein Egoist, wie er im Buche steht. Moralfrei und ohne politische Grundsätze manipuliert der selbstverliebte Tory-Abeordnete das System, um sich nach allen Regeln der Kunst die Taschen zu füllen. Korruption, Schmierenkampagnen und sogar Mord sind für Alan B’Stard der ganz normale Alltag. Kein Preis ist zu hoch, keine Methode ist zu dreckig und keine Intrige zu gemein. B’Stard lagert Atommüll unter einer Grundschule, setzt die Wiedereinführung öffentlicher Hinrichtungen in Gang, macht den Liebhaber seiner Frau mit der Heckenschere einen Kopf kürzer, organisiert ein Bombenattentat auf Michail Gorbatschow, löst den Falkland-Krieg aus und ernennt sich sogar zum legitimen Nachfolger Oliver Cromwells. Egal zu welchen Methoden der Mann mit der größten Mehrheit im Parlament auch greift, am Ende steht er immer als lächelnder Sieger da. Nein, subtil ist die politische Satire beim New Statesman mit Sicherheit nicht. Tatsächlich nehmen die Autoren Laurence Marks und Maurice Gran den Kapitalismus der Thatcher-Ära mit dermaßenem Gusto auf die Schippe, dass ihre Absichten selbst für den unpolitischsten Zuschauer stets transparent sind. Aber das ist in Ordnung, denn was der Serie an Subtilität fehlt, wird durch zielgenaue Plots, bitterböse Dialoge und einen Überschwall rabenschwarzen Galgenhumors wieder gutgemacht. Und obwohl die eine oder andere politische Referenz dem heutigen Zuschauer wohl über den Kopf gehen dürfte, sind die meisten Ideen immer noch so aktuell wie eh und je. Wenn Alan B’Stard beispielsweise eine globale Finanzkrise auslöst, um seinen persönlichen Kontostand aufzubessern, dürfte so mancher Zuschauer im Jahr 2008 ein unangenehmes Déjà-vu erleben.
 
So weit, so gut. In Sachen Wortwitz, Drehbuchstruktur und Erfindgunsreichtum kann sich The New Statesman also fast in eine Reihe mit Klassikern wie dem bereits erwähnten Blackadder einordnen. Und auch schauspielerisch punktet die Serie auf ganzer Linie. Vor allem Hauptdarsteller Rik Mayall zeigt sich permanent in Hochform: Charmant, bösartig, wortgewandt und mit einem herrlich ausdrucksreichen Mienenspiel bewaffnet, zieht das Urgestein der alternativen Comedy-Szene alle erdenklichen Register seines beeindruckenden Talents. Aber so amüsant Alan B’Stard auch ist, so hassenswert kommt er im Gegenzug herüber. Ohne mit der Wimper zu zucken, mordet und intrigiert sich der satanische Politiker von einer Folge zur nächsten. Ohne Reue, ohne Gewissen und ohne einen Anflug von Humanität lässt er sich auf Verbrechen ein, die selbst seine historischen Vorbilder Hitler, Mussolini und Stalin wie unschuldige Chorknaben erscheinen lassen. Keine Frage, der „Ich kann nicht glauben, dass das wirklich passiert ist“-Effekt sorgt beim Zuschauer für immense Unterhaltung, aber selbst den größten Zynikern bleibt das Lachen beim hemmungslosen Treiben des Alan B’Stard gelegentlich im Halse stecken. Auch in den Rängen der Nebenfiguren sieht es nicht viel besser aus. Alans Lakai Piers Fletcher-Dervish (Michael Troughton) ist ein feiger, hirn- und rückgratloser Politiker, der vor keiner Schandtat zurückschreckt, um den Respekt seines durchtriebenen Kollegen zu erringen. Und obwohl Fletcher-Dervish von den Autoren ganz offensichtlich als liebenswert unschuldiger Naivling konzipiert wurde, spielt er letzten Endes doch viel zu willentlich den Komplizen, um die Sympathien des Publikums zu ernten. Und von Alans Ehefrau Sarah B’Stard (Marsha Fitzalan), die als weibliches Pendant und formidable Antagonistin ihres Angetrauten fungiert, wollen wir lieber gar nicht erst reden ...
  Trotzdem, oder gerade deswegen, kommen Freunde des schwarzen Humors um den Kauf der erfreulich günstigen DVD-Box (nur als UK-Import erhältlich) nicht herum, denn wenn man sich erst mit dem Mangel an Identifikationsfiguren abgefunden hat, profitiert die Serie sogar von ihrer kompromisslosen Bösartigkeit, ermöglicht sie es den Autoren doch ohne Rücksicht auf Verluste Tabus zu brechen und heilige Kühe aus Gesellschaft, Politik und Kultur im Dutzend billiger abzuschlachten. Keine Frage, Rik Mayall ist der glorreichste Bastard (oder in diesem Fall B’Stard) der Fernsehgeschichte!
Text Copyright Peter Clausen 2008 Bilder CopyrightGranada/ITV/Network DVD |