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USA (2008) Regie: Guillermo del Toro, Drehbuch: Guillermo del Toro, Mike Mignola, Kamera: Guillermo Navarro, Musik: Danny Elfman, mit: Ron Perlman, Selma Blair, Doug Jones, Luke Goss
Warnung: Der folgende Text enthält kleinere Spoiler. In Guillermo del Toros Pans Labyrinth standen sich zwei grundverschiedene Philosophien gegenüber, wie man auch in Knut Brockmanns wunderbarem Essay zum Film nachlesen kann: Der unbedingte Glaube der kleinen Ofelia an die Imagination und ihre schöpferische Kraft musste sich an der abgründigen, moralisch völlig haltlosen Vernunft des faschistischen Capitán Vidal abarbeiten. Man kann glücklicherweise nicht sagen, dass der Film diesen Konflikt vollends aufgelöst hätte, aber del Toro bezog in jedem Falle klar Position zugunsten der Imagination. So auch und insbesondere am Ende des Films: Als die Rebellen dort Vidal stellen, versprechen sie ihm, dass sein ungeborenes Kind nie von seinem Vater erfahren wird. Sie verwehren ihm damit die Unsterblichkeit, die ihm der imaginative Akt seines Nachkommen gewährt hätte. Vidals Leben als Akt der kreativen Selbsterschaffung wird durch diese größtmögliche Bestrafung für nichtig erklärt. Sein Tod ist damit endgültig und reduziert ihn zu einem Stück reiner Materie – alles, was der Mann immer befürchtet hatte. 
Ofelia hat in del Toros zweitem Hellboy-Film ein recht leicht zu erkennendes Gegenstück: den Elfenprinzen Nuada. Genauso wie das kleine Mädchen – in Pans Labyrinth übrigens auch als Prinzessin ausgewiesen! - lehnt sich dieser Vertreter einer vergangenen Ära der Mythopoesis gegen die Epoche der utilitaristischen Vernunft auf. Anstatt den langsamen, qualvollen Tod zu akzeptieren, so Nuadas Vorhaben, soll das mythische Elfenvolk als Vertreter der reinen Imagination gegen die Menschheit antreten und aus dem "Waste Land" der Gegenwart wieder eine fruchtbare Landschaft der reinen Vorstellungskraft schaffen. In der ersten Hälfte des Films setzt Nuada zum Zwecke dieser mythischen Revolution meist noch nicht einmal wirklich Waffengewalt ein. Der Waldgeist beispielsweise, ein riesiger Fruchtbarkeitsgott, den er Hellboy entgegenwirft, scheint zu keinem Zeitpunkt wirklich einen bewussten Kampf auszutragen – und wenn, dann nur einen Todeskampf. Als er bei seinem Ableben schließlich einen ganzen Straßenzug in einen lebenden, dampfenden, erhabenen Dschungel verwandelt, ist das gleichzeitig eine wunderbare Hommage an Hayao Miyazakis Naturgötter und der deutliche Hinweis darauf, dass del Toro seine Figuren hier einen sehr ähnlichen Konflikt austragen lässt wie in The Devil’s Backbone und Pans Labyrinth.  
Mit anderen Worten: es ist eigentlich unmöglich, nicht in irgendeiner Weise auf Nuadas Seite zu sein. Aber wie die meisten Revolutionäre trägt er die Perversion der eigenen Ideale schon in sich. Als er sich symbolisch des verkrusteten alten Systems entledigt, indem er seinen Vater, den Elfenkönig, erschlägt, inszeniert del Toro den Gewaltakt in berückend schöner Zeitlupe wie ein religiöses Ritual. Nuadas Revolution ist damit schon eindeutig markiert - nicht als schöpferischer Akt der Selbstfindung wie im Falle von Ofelia, sondern als bereits im Ritus erstarrt. Nuada will nur eine Tyrannei durch die nächste ersetzen und alle Symbolik des Films deutet immer wieder das ungewollt Zyklische in seinem Handeln an. Die titelgebende "Goldene Armee“ ist dabei der wichtigste Hinweis, dass Nuada das eigene Ideal der Schöpfungskraft bereits verraten hat: anstatt in der Welt der Menschen durch die Offenbarung der Elfenwelt eine wirkliche Revolution der Imagination auszulösen, will er die Menschheit mit einer uralten Streitmacht auslöschen, die er – und das ist essentiell! – nicht selbst erschaffen hat. Dass die Steampunk-Krieger der "Goldenen Armee“ im Ruhezustand formal das Kreissymbol wiederholen und in einer kreisrunden, gigantischen Arena schlafen, ist dabei sicher nicht als Zufall zu werten. Wie kann man nun Hellboy selbst in diesem System bewerten? Er ist in vielerlei Hinsicht Nuadas Spiegelbild, wie der Elfenprinz auch bestätigt, als er Hellboy bescheinigt, er habe „viel mehr mit dem Elfenvolk gemeinsam als mit den Menschen“. Natürlich ist der rote Gigant eher ein Mann der Tat denn ein Grübler wie Nuada, aber sein intuitiver Zugriff auf das Thema der Revolution birgt auch weit weniger das Risiko der Perversion. Wenn Hellboy im Lauf des Films immer wieder darauf aus ist, sich und die anderen Freaks in seinem Team der Menschenwelt zu offenbaren, dann tut er genau das, wozu Nuada mit seiner Pseudo-Revolution nicht fähig ist: durch Offenbarung im wahrsten Sinne des Wortes die Gedankenwelt der Menschen umwälzen. Gleichzeitig ist Hellboy aber auch derjenige, der den letzten Waldgott erlegt, der zugunsten des Überlebens seiner Freunde immer mehr Schritte in Richtung der Götterdämmerung unternimmt, die sich del Toro für einen ebenso wünschenswerten wie geplanten dritten Teil vorbehält. Die Trilogie nimmt damit Form an: Teil eins und zwei der Hellboy-Reihe zeigen Variationen einer pervertierten Revolution, eines falsch verstandenen imaginativen Weltuntergangs, der am Dilettantismus und Konservatismus von Rasputin und Prinz Nuada scheitert. Teil drei muss nach diesen beiden Generalproben die wirkliche Apokalypse bringen – Hellboys Apokalypse.  
Natürlich ist dieser zweite Hellboy abseits von dieser allegorischen Komplexität auch ein wunderbar unterhaltsamer Film, voll von grandiosen komischen Momenten und strukturell von einer Leichtigkeit und Eleganz, die vielen gegenwärtigen Genre-Filmen vor lauter gravitätischer Bedeutsamkeit ganz und gar abgeht (man denke beispielsweise an Nolans Dark Knight, so ehrenwert in seiner ungeheuren Ambition und so meisterlich erzählt der Film auch sein mag). Alleine del Toros und Guillermo Navarros Kameraarbeit wäre wohl ein ganzes eigenes Essay wert: Großaufnahmen gibt es hier praktisch gar nicht mehr; stattdessen herrscht ein Weitwinkel-Stil vor, der mit immer weniger Einstellungen und Schnitten auskommt, sich immer weiter vom derzeit gängigen Hollywood-Prozedere der endlosen Closeups und manischen Rhythmen entfernt. Mit diesem Film ist del Toro bei einer derartigen erzählerischen Leichtigkeit und Souveränität angelangt, die man selbst im direkten Vorgänger nur erahnen konnte und die mit dem narrativen Schluckauf früherer Filme wie Blade II rein gar nichts mehr zu tun hat. Neben aller mythopoetischen Gewalt wird Hellboy II damit auch zu einem Film des reinen sinnlichen Schwelgens in wundervollen Kulissen, die scheinbar nirgendwo von die Illusion brechenden Greenscreens in ihrer künstlerischen Einheit gestört werden. Dass Danny Elfman dazu seinen besten Score seit einer gefühlten Ewigkeit abliefert, scheint dabei nur den sonstigen Qualitäten des Films angemessen. Kurz: dieser Film ist ein weiterer gewaltiger Schritt in der künstlerischen Evolution del Toros, spätestens jetzt ein nicht abzusprechender Meisterbrief. Dass wir durch die anstehenden Hobbit-Filme des Mexikaners lange auf eine Fortsetzung werden warten müssen, ist dagegen vielleicht gar nicht mal so schlecht. Wie eine wirkliche Apokalypse aussehen muss, eine tatsächliche Revolution im Gegensatz zur verkappten Reaktion eines Prinz Nuada, das zu entscheiden bedarf einer längeren Nachdenkenspause. Die Beschäftigung mit der Gedankenwelt eines anderen Autoren wird del Toro gut tun. Umso höhere Erwartungen darf man an ihn stellen, wenn er wieder zu seiner eigenen zurückkehrt. Hellboy 2: Die goldene Armee Copyright 2008 Universal Hellboy Copyright Mike Mignola Text Copyright 2008 Jochen Ecke |