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System: Nintendo DS Japan (2008), Director: Junko Kawano, Executive Producer: Toru Miora, Art Director: Yoji Nakaza, Musik: Junichi Yoshida. Entwickler: Konami Erschienen bei: Konami Preis: ca. 30 Euro Time Hollow bei Amazon.de EIN INTERVIEW MIT JUNKO KAWANO FINDET IHR HIER.
Dass das Thema Zeitreise ein enormes Potenzial für Videospiele birgt, wissen wir nicht erst seit Gestern. Vom Kultklassiker Day of the Tentacle über das vielgerühmte Legend of Zelda: Ocarina of Time bis hin zum aktuellen Indie-Darling Braid hat sich die Materie in den Händen talentierter Entwickler wieder und wieder bewährt. Es war also nur eine Frage der (ha!) Zeit, bis auch der Nintendo DS mit dem passenden Spiel gesegnet wird. Dieses Spiel heißt Time Hollow, stammt aus dem Hause Konami und scheint auf den ersten Blick ein reinrassiges Point and Click-Adventure der alten Schule zu sein. Aber nur auf den ersten Blick, denn tatsächlich handelt es sich bei Time Hollow um einen weiteren Vertreter der in Japan so beliebten Visual Novels . Keine Frage, in Sachen Interface sind diese Spiele enge Verwandte des gemeinen Grafikadventures. In Sachen Gameplay hingegen könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Wo westliche Adventures in erster Linie auf Gehirnakrobatik setzen, sind ihre fernöstlichen Pendants wesentlich linearer strukturiert. Der Spieler klappert einen Handlungsschauplatz nach dem anderen ab, nimmt Hotspots unter die Lupe, sammelt Beweismaterial, klickt sich durch Dialogbäume und kramt gelegentlich einen Gegenstand aus dem winzigen Inventar heraus. Echte Rätsel gibt es dabei kaum und wer auch nur ansatzweise aufpasst, weiß eigentlich immer, wie der nächste Schritt auszusehen hat.
 
Trotzdem raten wir davon ab, Time Hollow deswegen abzuschreiben. Visual Novels haben in Japan mehr als zwei Jahrzehnte Tradition und es hat einen Grund, dass sich diese Gattung in ihrem Heimatland immer noch so wacker schlägt. Schließlich ermöglicht die Verlagerung auf einen narrativen Fokus es den Entwicklern, einen konstanten Erzählfluss aufzubauen, wie man ihn im Spielebereich nur selten erlebt. Anstatt die Handlung permanent durch Schieberätsel, Action-Setpieces oder andere „Störungen“ zu unterbrechen, schicken die Designer ihr Publikum von einem Plot-Twist zum nächsten und erzeugen damit eine vorbildhafte Spannungskurve. Und das ist umso begrüßenswerter, weil die Handlung es wirklich in sich hat. Time Hollow erzählt die Geschichte von Ethan Kairos, einem typischen Oberschüler, dessen Alltag mundaner nicht sein könnte, bis ihm an seinem siebzehnten Geburtstat der Hollow Pen vermacht wird. Mithilfe dieses mysteriösen Stifts (der eine gar verblüffende Ähnlichkeit zum DS-Stylus aufweist) vermag es der Jugendliche, Fenster in die Vergangenheit zu öffnen, um kurze, eingefrorene Momentaufnahmen nach Herzenslust zu manipulieren. So weit, so gut ... aber noch bevor Ethan sein neues Utensil einweihen kann, verschwinden seine Eltern urplötzlich von der Bildfläche. Wenige Sekunden später muss Ethan verwundert feststellen, dass er inzwischen bei seinem Onkel lebt und scheinbar die letzten 12 Jahre in dessen Gewahrsam verbracht hat. Und warum werden die Freunde des Jugendlichen plötzlich alle Naselang in lebensgefährliche Unfälle, Mordanschläge und andere Katastrophen verwickelt? Es scheint, als hätte noch jemand anderes einen Hollow Pen – und dieser Jemand will das Leben des harmlosen Primaners nach Strich und Faden ruinieren. Aber da hat der geheimnisvolle Kontrahent die Rechnung ohne Ethan gemacht!
Um seinem Gegenspieler präventiv das Handwerk zu legen, ermittelt jener, wie sich der Ablauf der Zeit geändert hat. Welche Ereignisse haben das Schicksal in eine neue Richtung gelenkt? Und was kann getan werden, um den korrekten Lauf der Dinge wiederherzustellen? Zum Glück hat Ethan immer wieder Visionen von den entscheidenden Momenten - nun muss er nur noch herausfinden, was zu welchem Zeitpunkt passiert ist und wie sich dagegen vorgehen lässt. Klingt eigentlich simpel, oder? Und das wäre es auch, wenn der gerissene Antagonist unserem Helden nicht immer einen Schritt voraus wäre ... Keine Frage, die Handlung ist herrlich dramatisch und wird durch das ansehnliche Artwork und die atmosphärische Musik nochmal mächtig aufgewertet. Was wie eine leichtfüßige, japanische Fassung von Zurück in die Zukunft beginnt, entwickelt sich schon nach kurzer Zeit zu einer spannenden, düsteren, oft sogar gruseligen Erzählung der Extraklasse.   Zugegeben, mit etwa 6-7 Stunden Spielzeit scheint das Vergnügen nur von kurzer Dauer zu sein, aber wer nach dem ersten Durchspielen eine zweite Zeitreise wagt, stellt schnell fest, dass das Abenteuer doch nicht ganz so geradlinig ist, wie es scheint. Mit dem Vorwissen über spätere Entwicklungen bewaffnet, kann der Spieler bei seinen Zeitreisen vorausplanen, entscheidende Gegenstände früher finden und bevorstehende Katastrophen gekonnt abwenden. Jetzt ist plötzlich der Spieler dem Bösewicht einen Schritt voraus und kann somit auch entsprechende Maßnahmen ergreifen. Vorsicht ist eben besser als die Nachsicht zu haben!
Gerade diese Liebe zum Detail macht Time Hollow zum gefundenen Fressen für Storyfanatiker. Wer knackige Rätselkost oder gar anspruchsvolles Gameplay als Grundvoraussetzung für ein Adventure empfindet, nimmt hingegen lieber weiten Abstand. Schade eigentlich, dass sich Visual Novels in unseren Breitengraden nicht viel früher durchgesetzt haben, werden sie doch von der Spielepresse immer wieder mit ungerechten Erwartungen beladen. Nein, Time Hollow ist keine Konkurrenz für klassische Lucasarts- oder Sierra-Spiele, aber das war auch nie die Absicht der Entwickler. Macht nichts, denn als aufregender, interaktiver Manga ist Konamis Zeitreiseepos auf ganzer Linie erfolgreich. Gutes Entertainment muss sich schließlich nicht immer nach dem gleichen Regelwerk richen! Text Copyright Peter Clausen 2008 Bilder Copyright Konami |