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Thailand (2007) Regie und Drehbuch: Pen-ek Ratanaruang, Kamera: Chankit Chamnivikaipong, Musik: Hualampong Riddim, mit: Lalita Panyopas, Pornwut Sarasin, Ananda Everingham, Apinya Sakuljaroensuk
erschienen bei: Arthaus Preis: ca. 10€ Ploy bei Amazon.de Wenn Regisseure ihre eigenen Filme erklären, kann man gerne zuhören, aber man sollte ihnen nicht unbedingt Glauben schenken. Oft genug bekommt man in Interviews oder in Audiokommentaren nämlich den kuriosen Eindruck, dass der angebliche Kunstschaffende seinen eigenen Film gar nicht gesehen, geschweige denn verstanden hat. Ein besonderer Härtefall bietet sich auf der DVD des thailändischen Ploy von Regie-Wunderkind Pen-ek Ratanaruang: wie der gute Mann dort im Making of seinen eigenen Film auf den kleinstmöglichen Nenner zu bringen versucht, ist schon beinahe bestürzend. Im Vergleich zu seinen letzten Produktionen sei Ploy ein „kleiner Film“. Die Aussage geht so schon in Ordnung: das Ensemble ist auf ein paar wenige Akteure beschränkt, die Handlung spielt sich praktisch nur in einem Hotel ab. Aber dann: für Ratanaruang geht es in Ploy nur um ein Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat und nun in einer Extremsituation wieder zusammenfindet. Wenn man Ploy gerade gesehen hat, möchte man ob derartiger Platitüden den eigenen Ohren nicht trauen.
  Ratanaruang dampft seinen Film mit dieser Minimal-Interpretation nämlich auf das ein, was ihn am wenigsten zu interessieren scheint – die Dialoge. Dabei wird in Ploy über 104 Minuten hinweg fast nicht gesprochen, und wenn die Figuren den Mund aufmachen, dann meistens, um zu lügen. Bis auf diese Erkenntnis und ein kleines bisschen notwendige Exposition sind die Gespräche gänzlich uninteressant, weisen uns nur darauf hin, dass unter ihnen noch eine weitere Konversation abläuft – das, was Nathalie Sarraute die „sous-conversation“ nannte, das eigentliche Gespräch, das sich unter dem oberflächlich wahrnehmbaren Geplänkel versteckt. Und dieser Dialog liegt in Ratanaruangs hypnotischen Bildern verborgen. Zu Beginn des Films kommt ein Ehepaar in einem thailändischen Hotel an. Sie sind zu einer Beerdigung aus den USA angereist, saßen gerade 20 Stunden im Flugzeug. Der Jetlag fordert seinen Tribut, und der ganze Film wird in dem traumartigen, benommenen Zustand spielen, in dem die beiden sich befinden. Ratanaruang und sein Kameramann reflektieren diesen Dämmerzustand besonders in ihrem Beleuchtungsstil, fangen die surreal-riesigen Räume des Hotels in kontrastarmen Bildern ein, die immer haarscharf an der Unterbelichtung vorbeischürfen. Ratanaruangs Markenzeichen, der berückend schöne selektive Fokus, steht in Ploy für genau denselben labilen Zustand: ständig besteht Gefahr, den klaren Blick auf die Welt und sich selbst zu verlieren, büßt die sichtbare Welt ihre festen Kanten, ihre Solidität ein. Manchmal kann man im Zwielicht zwischen Hotelzimmer und Bewohner gar nicht mehr wirklich unterscheiden, und die lange Brennweite entrückt Zuschauer und Figuren gleichermaßen der Welt.  
In so einem Zustand werden auch Identitäten unscharf, neu formbar, und es braucht nur einen kleinen Schubser, um sie vollends in sich zusammenbrechen zu lassen. Den Anstoß zu einer naiven, unbewussten Art von Neubestimmung bekommt das Ehepaar von dem Mädchen Ploy, einer klassischen katalytischen Figur, die der Mann - sein Name ist Wit - in der Hotelbar aufgabelt und zum Ausruhen in das Zimmer des Ehepaars einlädt. Oberflächlich löst die Anwesenheit der Kindfrau Ploy bei der Ehefrau – sie heißt Nang – blinde Eifersucht aus, die sogar in heftige Gewaltphantasien gipfelt. Aber viel wichtiger ist, dass Ploy die Privatsphäre des Paars sprengt, ohne eigentlich auch nur einen Finger zu rühren, und damit die Identitäten der beiden empfindlich destabilisiert. Die unausweichliche Folge: Im letzten Drittel des Films wird Nang Ploys Halskette stehlen und sie sich selbst anlegen. Der billige Plunder zeigt in goldenen Lettern einen Namen: Ploy. Nang nimmt so Ploys Identität an, und Ploy wird für eine Weile zu Nang. Nach und nach lässt sich zwischen den Figuren des Films auf diese Weise gar nicht mehr unterscheiden: Jeder scheint eine Facette des Anderen widerzuspiegeln, in die Vergangenheit oder Zukunft des Anderen zu verweisen und vice versa. Im völlig identischen Hotelzimmer gegenüber vögeln zum Beispiel ein Zimmermädchen und der Barkeeper auf äußerst sinnliche, romantische Weise – sind das Nang und Wit zu Beginn ihrer Ehe?

In den besten Momenten des Films verschmilzt in diesem Reigen jeder mit jedem, und es lässt sich gar nicht mehr sagen, was von den Ereignissen nun wirklich stattfindet oder wer was davon imaginiert – es ist eigentlich auch egal. Was zählt, ist, dass alles zusammenfließt. In den schlechteren Moment scheint Ratanaruang allerdings an die dünne Eigeninterpretation seines Films zu glauben – wenn er uns über zehn Minuten einem drögen, belanglosen Ehestreit zuhören lässt, zum Beispiel, oder in manchen enttäuschend konventionellen Momenten der letzten Szenen des Films. Ploy ist somit das faszinierende Zeugnis eines jungen, vielversprechenden Regisseurs im Werden, der seine eigenen Themen zwar intuitiv genau im Griff hat - aber sobald er versucht, sie zu theoretisieren oder in Worte zu fassen, gleiten sie ihm aus der Hand und erstarren im Belanglosen. Ratanaruang steht also noch im Kampf mit dem Klischee, und auch in Ploy ist es wieder ungemein spannend zuzusehen, wie sich das Gefecht gestaltet. Er braucht nur noch mehr Vertrauen in sein Bauchgefühl – dann gelingt ihm vielleicht bald der ganz große Wurf. Für den Augenblick ist es aber aufregend genug, ihm bei der Selbstfindung zuzusehen. Ploy, Artwork, Stills Copyright Arthaus / Fortissimo Films / Supramotion Artikel Copyright 2008 Jochen Ecke |