Advertisement

Gorilla des Monats

hairilla
Home arrow Interviews arrow Anna-Maria Jung - Xoth
Anna-Maria Jung - Xoth

jung

Unsere Rezension von XOTH! Die unaussprechliche Stadt findet ihr hier.

Anna-Maria Jungs XOTH! Die unaussprechliche Stadt hat uns kalt erwischt: Die Grazer Künstlerin hat ein großartiges Werk abgeliefert, das gleichzeitig eine Parodie auf und eine Liebesklärung an das grause Universum des H.P. Lovecraft darstellt. Als wir die junge Dame im auffälligen Rot-Grün-Look auf der Frankfurter Buchmesse trafen, haben wir spontan ein Interview mit ihr auf die Beine gestellt.

Thomas Nickel: Erzähl erst mal, wie lange hast du denn an Xoth! gearbeitet?

Anna-Maria Jung: Dem Comic ist zunächst meine Diplomarbeit vorausgegangen. Die habe ich über ein Semester geschrieben. Dabei ging es um H.P. Lovecraft und seinen Einfluss auf die Medienwelt. Die Fragestellung war, wie sich Lovecrafts Horror visualisieren lässt. Für mich war das sehr interessant, Lovecraft beschäftigt sich ja oft mit Dingen, die eigentlich unmöglich sind. Unmögliche Geometrien, unmögliche Farben... Und weil mich das so interessiert hat, hab ich eben diese Arbeit geschrieben, die dann bereits Grundlage für den Comic war. Wenn man diese Arbeit jetzt nicht mit einrechnet, hab ich an dem Comic etwa ein Jahr gearbeitet – mit großen Pausen allerdings. Vier Monate dieses Jahres hab ich etwa nicht daran gearbeitet. An einer Seite habe ich dabei so zwischen sechs und zehn Stunden gesessen.

Thomas Nickel: Wie kommt es denn tatsächlich zu der Beschäftigung mit Lovecraft? Wie bist du auf ihn gekommen?

Anna-Maria Jung: Ich hatte schon vor meiner Arbeit mit Lovecraft zu tun, seine Geschichten haben mich schon vorher fasziniert. Gerade wegen der Unmöglichkeiten. Die erste Geschichte, die ich gelesen habe, war Der Schatten aus der Zeit, das war 2001 auf meiner Matura-Reise. Die hat mich so überzeugt, dass ich dann weitergelesen habe. Komischerweise kam ich aber nie mit seinem reportageartigen Schreibstil zurecht, aber inhaltlich hat er mir so gut gefallen, dass ich ihn weiter gelesen habe. Und dann kam ich so drauf... Lovecraft gibt’s in Filmen, in Spielen, in Comics... Der letzte Ausschlag kam dann 2006 in New York Da bin ich etwas angeheitert nachts nach Hause gefahren und an einem Comicladen vorbeigekommen, der noch geöffnet hatte. Da fand ich dann ein Buch gekauft: The Art of H.P. Lovecraft's Cthulhu Mythos. Und die Bilder haben mich dann inspiriert, diese Arbeit zu schreiben.

Jochen Ecke: In Lovecrafts Geschichten kehren grausame Gottheiten auf die Erde zurück; in XOTH! wird ein Mensch in die Welt eben dieser Gottheiten gerufen, mit humorigem Ergebnis. War die Umkehrung der klassischen Lovecraft-Themen von Anfang an das Konzept?

Anna-Maria Jung: Anfangs noch nicht, da interessierte mich ja vor allem die Visualisierung von Lovecraft, die Illustrationen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf die Umkehrung gekommen bin. Ich fand den Gedanken interessant, dass die Monster einen Menschen beschwören. Ich wollte nicht nur eine Parodie auf Lovecraft schaffen, sondern auch auf Satanisten, Okkultismus und die Religionen dieser Welt. Und so kam es dann, dass die Tiefenwesen – Fischköpfe nenne ich sie in meinem Comic – aufgestachelt werden, einen Gegenkult zu den großen Alten zu starten. Das ist dann der Ordus Humanus, der die Menschen beschwört. Und gleichzeitig finde ich es interessant, wie solche Kulte immer etwas überschätzen, verherrlichen und auf ein Podest stellen. Und genau das tun auch die Tiefenwesen – sie glauben, Menschen seien unheimlich mächtig, gefährlich und könnten Xoth zerstören, wenn sie es nur wollten.

Jochen Ecke: Ich habe jetzt auf der ersten Seite direkt das Graffiti "Barbelith" gesehen, ein kleines Detail im Hintergrund...

Anna-Maria Jung:
Es ist aufgefallen? Schöööön! Der ganze Comic ist voll mit Barbelith!

Jochen Ecke: Überhaupt ist der Comic ja voller Referenzen. Welche Bedeutung haben die für dich?

Anna-Maria Jung: (blättert im Comic und sucht nach Verweisen auf alle möglichen anderen Texte) Ich habe es schon immer gemocht, die Dinge, die mich begeistern und faszinieren, in meine Arbeit einzubeziehen. Bad Wolf stammt von Dr. Who, hier haben wir "My Lovercraft is full of eels" von Monty Python – John Cleese ist einer meiner absoluten Lieblings-Schauspieler - , dann haben wir hier M.C. Escher-Elemente. Die Verweise sind sehr bewusst gewählt. Nehmen wir z.B. Barbelith aus Grant Morrisons The Invisibles. Wer das kennt, der weiß, dass sich Morrison viel mit Dingen wie Science Fiction, Fantasy und Okkultismus beschäftigt hat.

xoth

Jochen Ecke:
Und er bringt ja auch gerne solche Bricolage-Elemente, zum Beispiel wenn bei ihm auf einmal Figuren von Michael Moorcock auftauchen.

Anna-Maria Jung:
Ja, genau. Er hat in seinen Comics viel Philip K. Dick, Die Illuminati!-Trilogie, Aleister Crowley... und das sind alles Dinge, die gut zu Lovecraft passen. Es macht mir einfach Spaß, sie hier einzubinden. Zum Beispiel der Escher-Fisch. Escher passt hier ja hervorragend rein, weil er sich auch mit der Darstellung von Unmöglichem beschäftigt hat. Und die Darstellung von vier Dimensionen – wobei ich hier jetzt nicht die Zeit meine – ist für mich unwahrscheinlich faszinierend, das war ein eigener Abschnitt meiner Diplomarbeit.

Jochen Ecke: Wie bist du dann tatsächlich die Darstellung des Unmöglichen angegangen?

Anna-Maria Jung:
Die Diplomarbeit war quasi die Forschung zu diesem Thema, und ich habe mich dann entschieden, die unmöglichen Aspekte nur ansatzweise zu verarbeiten. An einer Stelle im Comic gibt es die Stadt N'Kai, die uralte Stadt im Untergrund. Dabei habe ich mich tatsächlich dann an Escher orientiert. Ich habe mir also keine großen, neuen Ansätze ausgedacht, ich habe mir wie verschiedene andere Illustratoren Escher als Vorbild genommen. Denn ich bin auch bei meiner Diplomarbeit zu dem Schluss gekommen, dass es nicht möglich ist, Lovecrafts Unmöglichkeiten zu reproduzieren. Deswegen habe ich es auch nicht versucht.

Jochen Ecke: Das ist eben diese Leerstelle, diese Leere am Zentrum, die Lovecraft so modern macht.

Anna-Maria Jung:
Ich habe die Stadt dann extrem organisch und verwuchert dargestellt, sie ist von oben und unten begehbar, aber sie hält sich dennoch an die geometrischen Gesetze. Auch wenn sie vielleicht eigentlich zusammenbrechen müsste. Aber sie hält sich an die Fluchtpunkte aus unserer Welt.

Thomas Nickel: Wie arbeitest du eigentlich? Stand das Skript von Anfang an fest?

Anna-Maria Jung:
Der Handlungsablauf war grob skizziert, ich hatte von Anfang an ein Gerüst. Ich wollte den Comic nicht ohne ein Ende beginnen und ich hatte tatsächlich eine gute Idee für den Plot. Sonst habe ich meistens ein echtes Problem mit Geschichten. Die Seiten selbst habe ich dann genau durchgeplant beim Zeichnen.

xoth

Jochen Ecke: Im deutschsprachigen Raum ist es ja extrem schwierig, irgendwie von Comics zu leben. Warum also Comics?

Anna-Maria Jung: Ich glaube, ich bin momentan mit 24 einfach noch jung genug, dass ich einfach meiner Leidenschaft folgen kann. Und das macht mich schon sehr glücklich, auch wenn ich dabei kein Geld verdiene. Es ist ein unglaubliches Gefühl, meine Geschichte jetzt veröffentlicht zu haben. Es war natürlich enorm anstrengend, neben dieser Arbeit noch Geld zu verdienen, aber bisher bin ich noch optimistisch. Gut, das kann sich vielleicht noch ändern, aber ich möchte jetzt eigentlich nicht demnächst verbittert werden.

Thomas Nickel: Hast du denn mit dem Comic jetzt auch Pläne für einen Release im Ausland, vor allem in den USA?

Anna-Maria Jung:
Wir haben vor, demnächst zu Dark Horse zu gehen und ihnen den Comic zu zeigen. Wir haben da jetzt momentan keinerlei Erwartungen, aber es ist allemal wichtig, es zu versuchen. Ich habe auch Kontakt zu Chaosium in den USA, die bringen ein Lovecraft-Spiel heraus... vielleicht klappt ja etwas. Aber ich bin jetzt nicht euphorisch, eher vorsichtig optimistisch.

Jochen Ecke:
Wie kam es denn zu dem Vorwort von Noah Berlatsky (Anm.: einem bekannten Comic-Kritiker des amerikanischen Comics Journal)?

Anna-Maria Jung: Ja, das ein tolles Vorwort, das mit wahnsinnig gut gefällt. Das kam dadurch zu Stande, dass Stefan Dinter im Comics Journal eine Kritik von ihm gelesen hat. Dann hat er einfach angefragt und er hat es gemacht. Wir haben ihm Auszüge aus dem Comic und eine Inhaltsangabe geschickt. Das Vorwort ist ja zunächst mal über Lovecraft an sich, erst am Ende leitet er zu meinem Comic über. Und es hat mir sehr gut gefallen, wie er das gemacht hat.

Thomas Nickel: Wie bist du eigentlich zum Comic an sich gekommen?

Anna-Maria Jung:
Ich habe schon immer gezeichnet und 2001 meinen ersten Comic rausgebracht – Urbanity beim Publisher Prequel von Jörg Vogeltanz, einem sehr begabten Künstler. Der hat mir damals freie Hand gelassen, und ich habe mir dann gesagt, wenn ich schon mal Aussicht auf Veröffentlichung habe, dann arbeite ich auch extra hart und zieh das auch durch. Das war mein erster Schritt in diesen Bereich, der mir die ersten Kontakte gebracht hat. Und meine Liebe zum Zeichnen war dann stark genug, dass ich auch dabei geblieben bin. Ich habe halt immer wieder geübt, habe mehr und mehr Kontakte bekommen, bin mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Erlangen gefahren, bin zum Comicfest München gefahren. Ich hatte zum Glück auch Eltern, die mich dabei unterstützten. Ich habe dann so mehr oder weniger Kunst studiert, Animation und Zeichentrick. Dann kam ein Praktikum bei Bill Plympton in New York... das hat mich immer mehr motiviert.

xoth

Thomas Nickel: Und wie hast du dir das Storytelling beigebracht? Schöne Bilder können ja viele zeichnen, eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur im eigenen Kopf Sinn ergibt, ist da schon schwieriger.

Anna-Maria Jung: Ich sage mal, es ist eine Mischung aus viel Inspiration aus verschiedenen Medien wie Filmen, Comics und Büchern. Ein weiterer Bestandteil ist meine ausgeprägte Fähigkeit zu Selbstanalyse und Selbstkritik. Ich konnte immer gut auf meine Arbeit schauen und sie mit meinen Inspirationen vergleichen. Und ich habe eben immer sehr großen Wert auf die Geschichte gelegt. Gelernt habe ich es teilweise durch einfaches Abschauen und Kopieren und viel Üben. Die Farbgebungen habe ich aus meinen Lieblingscomics oder mit Leuten abgesprochen. Florian Satzinger, ein sehr guter Charakterdesigner, hat mir außerdem gute Tipps gegeben.

Thomas Nickel:
Wer sind denn so deine direkten Vorbilder?

Anna-Maria Jung: Im Bereich Comic ist es Lewis Trondheim, dann hat mich Moebius sehr inspiriert. Aus den USA gibt’s da vor allem Transmetropolitan und Preacher, die haben mich vor allem von der Geschichte her gefesselt. Generell die Comics von Vertigo. Im Filmbereich wären da zum Beispiel die Coen-Brüder, auch David Lynch durchaus und generell gute und klischeefreie Fantasy und Science Fiction. Aber auch klassische Künstler haben mich inspiriert. Inhaltlich vor allem Goya, generell die Romantik – Caravaggio,... für einige Elemente des Comics habe ich die Farben von manchen Bildern übernommen. Ein Beispiel wären die Farben von Azatoth – das ist inspiriert von dem Gemälde The Great Day of his Wrath des viktorianischen Malers John Martin. Ich habe auch bewusst Farbschlüssel eingesetzt. Hier mal eher gelb, da kalt und winterlich... Farbschlüssel sind eine tolle Sache für mich.

azatoth

FAHRT MIT DER MAUS ÜBER DAS BILD, UM JOHN MARTINS THE GREAT DAY OF HIS WRATH ZU SEHEN

Jochen Ecke: Der Humor entsteht in XOTH! ja vor allem aus dem Gegensatz, dem Widerspruch zwischen Menschen und Monstern...

Anna-Maria Jung: Ja, die Überraschung, das Brechen von Klischees, das ist ein wichtiger Bestandteil. Ich mag aber vor allem auch die Botschaft von Monty Python – wir nehmen uns und das Leben eigentlich viel zu ernst. Und so ist das ja auch bei Lovecraft. Der Gedanke, dass die Menschen im Vergleich zum Universum kleine Würmer sind, völlig unwichtig sind, er hat das alles so ernst genommen. Aber ich denke mir "Na und? Ist halt so!". Muss man deswegen immer jammern? In meiner Welt leben die Monster, sie essen, sie gehen aufs Klo... Es ist diese Ikonisierung – im positiven oder negativen – von Menschen, Lebewesen oder Dingen, hinter der ich nicht stehen kann und die ich so auch auf die Schippe nehme.

Jochen Ecke: Der Protagonist beklagt sich auf den ersten Seiten ja auch über Geschlechterbilder. Ist das ein Thema in deinem Comic?

Anna-Maria Jung: Es ist ja so, dass die "Damsel in Distress" hier keine Frau, sondern eben ein Kerl ist, der von einer Frau gerettet wird. Für mich ist das ein Thema. Als Kind hatte ich kurze Haare und wurde für einen Jungen gehalten. Und das Thema wollte ich einfach mal behandeln. Eine weitere Umkehrung also. Ich finde es toll, wenn Frauen als Figuren gut ausgearbeitet sind, deswegen habe ich mir auch bei meinem weiblichen Hauptcharakter viel Mühe gegeben. Ich habe schon meinen Spaß an der Umkehrung der Geschlechterrollen.

Thomas Nickel: Wie siehst du Lovecraft heute nach all der intensiven Beschäftigung mit ihm eigentlich?

Anna-Maria Jung: Bevor ich mich mit ihm beschäftigt hatte, war er für mich eine sehr mystische Gestalt, die unglaubliche Dinge geschaffen hat. Ich habe dann herausgefunden, dass er Atheist war, dass er alles Religiöse ziemlich verabscheut hat, und dass er ein ziemlich großer Rassist war. Man sagt ja, damals war das eigentlich jeder, aber er hat schon Dinge von sich gegeben, die ziemlich heftig waren. Das merkt man in seinen Geschichten auch, vor allem aber in seinen Briefen. Er war ein Mensch voller Paradoxe. Seine Eltern sind an einer Geisteskrankheit gestorben, er hasste Meeresfrüchte – das Formlose, das Glitschige. Das passt zu seiner Vergangenheit, auch psychologisch gesehen. Er ist ohne Vater mit einer kranken Mutter aufgewachsen die ihn wie ein Mädchen angezogen hat. Dazu passt wieder sein eigentümliches Verhältnis zu Frauen. Er ist also einerseits eine bewundernswerte Figur, die Großes geschaffen hat, andererseits aber auch eine lächerliche Figur, die in Denkmustern gefangen war, über die man heute nur den Kopf schütteln kann. Ich sehe ihn auf jeden Fall heute anders. Ich bewundere ihn für seine Geschichten, aber er ist für mich schon entmystifiziert.

xoth

Thomas Nickel: Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? Hast du Interesse, Lovecrafts altem Freund Robert E. Howard eine ähnliche Behandlung zuteil werden zu lassen?

Anna-Maria Jung: Es gibt noch keine Pläne. Wir sehen mal, wie XOTH! läuft. Ideen hätte ich schon. Aber ich muss eben auch nebenher noch ein Leben finanzieren. Die Zeit, in der ich XOTH! gezeichnet habe, war schon sehr anstrengend, ein unglaublicher Stress. Ich hab von Robert E. Howard auch eine Geschichte aus dem Cthulhu-Mythos gelesen. Aber ich glaube nicht, dass ich mir nochmal einen Autoren so intensiv vornehme. Aber ich werde wohl im okkult-mystischen Sektor bleiben. Und beim Humor - es geht nicht ohne. Ich nehme es niemandem ab, dass er nicht irgendwelche humorvollen Momente im Leben hat.

Thomas Nickel: Dann bedanke ich mich für das Gespräch und wünsche dir viel Erfolg mit Xoth!

 

Text Copyright Thomas Nickel, Jochen Ecke
XOTH!, Bilder Copyright Anna-Maria Jung

 
< zurück   weiter >
© 2010 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.