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von Thomas Nickel Autor, Zeichnungen, Farben: Anna-Maria Jung Erschienen bei: Zwerchfell Website: http://www.xoth-comic.net/ ISBN: 3928387871 Preis: 14€ XOTH! - Die unaussprechliche Stadt bei Amazon.de 
Ein Interview mit Autorin & Zeichnerin Anna-Maria Jung findet ihr hier. Als alter Comic-Hase kennt man so seine Pappenheimer. Man ist im Bilde, wann Internet-Jesus Warren Ellis mal wieder etwas veröffentlicht, freut sich auf was Frisches von Grant Morrison und hofft stets, dass unser aller Lieblings-Magier Alan Moore bald wieder einmal ein neues Meisterstück aus seinem Bart zieht. Überraschungen sind selten; meist lässt gerade in den USA schon Kenntnis über Zeichner und Autor recht gut erahnen, was da auf uns zukommt. Für Überraschungen schauen wir also lieber nach Europa. Und Donnerknispel, werden wir diesen Herbst da aber fündig: XOTH! Die unaussprechliche Stadt von Anna-Maria Jung ist die erste richtig große Veröffentlichung der jungen Zeichnerin aus Graz und geht direkt in die Vollen. Was Frau Jung da an einem Quasi-Debütwerk abgeliefert hat, das erklären wir in der Gorilla-Redaktion zu einem der großen Muss-Käufe in diesem Herbst! Jeder, der sich auch nur am Rande für Gruseleien aller Art interessiert, ist schon über H.P. Lovecraft gestolpert - ob jetzt direkt über eine seiner sperrigen, aber dennoch - oder gerade deswegen - so unheimlich grausigen Kurzgeschichten oder über Verarbeitungen und Interpretationen in anderen Medien. Egal ob Film, Serie, Comic, Roman, Computerspiel - überall hat Lovecraft mit seiner berühmtesten Schöpfung Cthulhu die Finger bzw. Tentakel im Spiel. Das ist auch Anna-Maria Jung aufgefallen und so entstand dieser Comic nach einer erfolgreichen Diplomarbeit zum Thema - im Interview mit uns verrät sie demnächst mehr dazu. Bei ihrem wunderbar ironischen, aber dennoch inhaltlich mehr als stimmigen Comic setzt die Zeichnerin vor allem auf die Umkehrung der Lovecraft'schen Gruselprinzipen: Dort werden für gewöhnlich abgründige Tentakelwesen von Orten jenseits der Sterne beschworen; in Xoth! läuft es genau andersherum Um gegen den fetten Cthulhu, Bürgermeister von Xoth, zu rebellieren, beschwören die Tiefenwesen und ihr Herr Dagon mit dem unheiligem Buch Vitanomicon das grauenhafteste Monster von allen: einen echten Menschen.  
Allerdings ist der nette, aber auch irgendwie leicht hilflose Jung-Nerd Jacop O'Damsel weder sonderlich mächtig, noch allzu grauenerregend. Zum Glück trifft er aber nach kurzer Zeit die hübsche Yen, 995. Tochter von Shub Niggurath, der Ziege mit den Tausend Jungen. Yen Niggurath hat zwar Hörner, etwas seltsame Ohren und in manchen Panels auch einen Ziegenschwanz, trotzdem ist sie für Jacop noch die normalste und auch netteste Person in der Stadt voller Tiefenwesen, Mi-Go, Cthulhus Sternengezücht, Schoggothen und Yith... Gemeinsam schlagen sie sich durch eine Welt voller unsagbarer, unheiliger und unaussprechlicher Kreaturen, um den Plänen des Ordus Humanus auf die Spur zu kommen - immerhin ist der ja erst für Jacops missliche Lage verantwortlich. Nicht nur für Lovecraft-Fans ist XOTH! eine wahre Fundgrube an Versatzstücken, Anspielungen und Zitaten aus dem Universum des etwas verqueren Autoren aus Providence, Rhode Island. Auch zahlreiche andere Schreiberlinge, Künstler, Serien und was Anna-Maria Jung sonst noch so interessiert, hat seinen Weg nach Xoth gefunden. Anspielungen auf Monty Python, M.C. Escher, Grant Morrisons The Invisibles oder die britische Kultserie Dr. Who ziehen sich wie ein roter Faden durch den Comic - Popkultur-Kenner haben ihre helle Freude am Finden all der Querverweise und Hommagen. Dabei bleibt aber nie die eigentliche Geschichte auf der Strecke. Die ist flott erzählt, besticht mit ein paar angenehm cleveren Einfällen, vor allem aber mit der durch und durch sympathischen Welt. Die Yith, Nigguraths, Tiefenwesen und all die anderen bei Lovecraft so grausen Kreaturen muss man in Xoth einfach mögen. Die 65 Seiten der Handlung sind dem Leser am Ende fast zu wenig - wir wären gerne noch länger in Xoth geblieben, hätten gerne mehr von der Unterstadt N'Kai gesehen und natürlich auch gerne erfahren, wie es mit Jacop, Yen und all den anderen weitergeht. 
Zeichnerisch ist XOTH! über jeden Zweifel erhaben. Herrlich abgedrehte Kreaturen, tolle Mimik der Protagonisten und vor allem der gelungene Farbeinsatz gefallen von der ersten Seite an. Dabei zeigt der Comic auch nie zuviel. Dinge, die bei Lovecraft unbeschreiblich bleiben, werden auch hier optisch ausgelassen. Aber reden wir nicht zuviel drum herum. XOTH! Die unaussprechliche Stadt hat uns nicht nur überzeugt, sondern regelrecht begeistert - wir hoffen, dass der angenehm günstige und sehr ansprechend aufgemachte Hardcover-Band (inklusive Vorwort von US-Journalist Noah Berlatsky und Artworks anderer Künstler am Ende der Geschichte) die Verkaufszahlen einfährt, die er verdient, und die gute Frau Jung so gar keine andere Wahl mehr hat, als uns schnell mit neuem Stoff zu versorgen. Und wer weiß, wenn die Sterne richtig stehen, gibt es ja vielleicht sogar mal eine Rückkehr nach Xoth. Obermonster Cthulhu hat jedenfalls Zeit. Denn wie heißt es so schön? - That is not dead which can eternal lie,
- And with strange æons, even death may die.
Und so wartet der alte Cthulhu weiterhin träumend in der versunkenen Stadt R'lyeh bis Anna-Maria Jung ihn wieder braucht. Und wir warten mit ihm.
Text Copyright Thomas Nickel 2008 Bilder Copyright Anna-Maria Jung |