System: PlayStation 3
Japan (2008), Producer: Ryutaro Nonaka, Director: Shuntaro Tanaka, Musik: Hitoshi Sakimoto Entwickler: Sega Erschienen bei: Sega Preis: ca. 70 € Valkyria Chronicles bei Amazon.de EIN INTERVIEW MIT PRODUCER RYUTARO NONAKA FINDET IHR HIER. Sega hat ein paar schwere Jahre hinter sich, aber in den letzten Monaten hat der japanische Riese mehr und mehr seine Identität wieder erlangt – neben tollen Titeln von West-Studios kam aber vom japanischen Hauptquartier relativ wenig Interessantes. Aber gut Ding will eben Weile haben und nach jahrelanger Tüftelei zaubert Sega Japan mit Valkyria Chronicles die neue Strategie-Referenz auf Konsole aus dem Hut, und das ganz, ohne sich bei den etablierten Genre-Größen zu bedienen. Valkyria Chronicles erfindet tatsächlich das Strategie-Rad neu und bietet dazu noch eine absolut sympathische Heldentruppen. Wer erinnert sich an Skies of Arcadia? Das war trotz der zahlreichen Zufallsbegegnungen und des etwas hausbackenen Kampfsystems eines der besten RPGs der letzten Jahre – dank wunderbarer Welt, großartiger Abenteuer-Atmosphäre und extrem charmanter Heldentruppe sah man gnädig über die spielerischen Macken des Dreamcast-Kolosses hinweg. Die gleiche Magie findet sich auch in Valkyria Chronicles auf der PS3 wieder – kein Wunder, hat doch ein Großteil der Arcadia-Truppe auch hierbei seine kreativen Finger im Spiel. Im Gegensatz zu Skies of Arcadia ist es hier aber nicht die Aufgabe von Welt, Plot und Figuren, spielerische Schnitzer zu überdecken. Stattdessen ergänzen sich die genannten Faktoren und ein spielerisch einfach nur famoser Taktik-Cocktail zu einem Ganzen, das wir ohne zu zögern zu den besten bisher erhältlichen Titeln auf der PS3 zählen und dem wir einen ähnlichen Kultstatus wie dem bereits erwähnten Luftpiraten-RPG prophezeien.  Wer Segas Spiele-Ausstoß in Japan mitverfolgt hat, der weiß, dass man sich dort schon lange Gedanken macht, wie man das Taktik-Genre zu neuen Ufern führen kann. Denn das ist seit 1995 fest gefahren: Quests zweifelsohne famoses Tactics Ogre und sein inoffizieller Nachfolger Final Fantasy Tactics haben gerade in Japan tiefe Spuren hinterlassen, selbst heute werden gängige Taktik-Titel nach eben dieser Schablone gefertigt. Suikoden Tactics, Disgaea, Vandal Hearts, La Pucelle, Saiyuki, Gladius, Jeanne d'Arc, Stella Deus, Hoshigami, Luminous Arc... keines dieser Spiele und Reihen kann seine Inspiration leugnen. Mit der dritten, leider nur in Japan erschienenen Sakura Wars-Episode hat Sega allerdings dem Stillstand den Kampf angesagt und das System geschaffen, auf dem das von Valkyria Chronicles aufbaut. Dabei rückt ihr eure Einheiten nicht mehr in Schachbrett-Manier durch Iso-Szenarien, ihr lenkt sie wie in einem Actionspiel durch eine 3D-Umgebung. Ein begrenztes Aktionspotenzial beschränkt eure Handlungsfreiheit allerdings: Ihr könnt in Valkyria Chronicles pro Zug nur eine bestimmte Entfernung zurücklegen und nur eine Handlung ausführen, danach müsst ihr einen weiteren eurer pro Runde begrenzten Aktionspunkte aufwenden, falls ihr mit der bereits gezogenen Figur eine weitere Aktion starten wollt. Sind die Punkte aufgebraucht, ist der Feind an der Reihe. Interessant ist dabei: Sobald ihr eure Aktion startet, findet die Bildschirmaction in quasi-Echtzeit statt. Ihr sprintet durch das gegnerische Sperrfeuer und erst wenn ihr per Schultertaste in den Ziel-Modus geht, wird die Zeit angehalten und ihr könnt in Ruhe den Gegner anvisieren. Anfangs fühlt sich das etwas seltsam an, geht euch mit zunehmender Spielzeit aber mehr und mehr in Fleisch und Blut über und wird in späteren Missionen, wenn es beispielsweise gilt, Suchscheinwerfern auszuweichen, äußerst clever eingesetzt.
 Ich könnte noch lange von den taktischen Feinheiten des Valkyria-Systems schwärmen, aber das Kampfsystem ist eben nur einer von vielen Faktoren, die das Spiel so besonders machen. Genausowichtig ist die extrem komfortable Bedienung. Individuelles Leveln von Figuren gibt es nicht – wer einmal in einem Strategiespiel einen hinterher hinkenden Kämpfer aufmöbeln musste, der dankt dafür auf Knien. Stattdessen stuft ihr ganze Verbände hoch: Levelt ihr so beispielsweise die flinken Scouts auf, profitieren alle Scouts eurer Einheit von besseren Werten, so könnt ihr für die kommende Mission frei den richtigen Charakter wählen. Denn keine der Valkyria Chronicles-Figuren ist professioneller Soldat. Und alle sind sie Individuen mit eigenen Charakterzügen, die sich auch spielerisch bemerkbar machen. Kämpfen zwei Freunde Schulter an Schulter, liefern beide bessere Leistung, sprintet ihr mit einem Naturburschen durch den Wald kämpft, er dort effektiver, müsst ihr dagegen eine Wüstenmission absolvieren, solltet ihr Figuren mit Sand-Allergie lieber im Lager lassen. Dank aufgeräumter Menüs könnt ihr all diese Feinheiten stets im Auge behalten.
 Neben taktischem Tiefgang und Bedienkomfort überzeugt Valkyria Chronicles vor allem grafisch. Auch Sega hat die Zeichen der Zeit erkannt und die stetige Hatz nach vermeintlichem Realismus aufgegeben: Für die angemessene Darstellung des Krieges in einem fiktionalen Europa der 30er Jahre setzt Sega auf einem wunderbar anzusehenden Anime-Stil. Der wird nicht einfach durch simples Cell-Shading umgesetzt. Die eigens für das Spiel entwickelte Canvas-Engine gibt Figuren und Umgebung einen herrlichen Aquarell-Look, den man in dieser Form bisher noch nicht gesehen hat – lediglich Capcoms hervorragendes Okami lässt sich noch damit vergleichen.
 Zusammengehalten werden diese Elemente von der eingangs beschriebenen Skies of Arcadia-Magie. Die Helden und Schurken von Valkyria Chronicles sind nicht die frischesten und die originellsten Figuren auf der Welt – aber das waren Vyse, Aika und Fina (die sich übrigens auch hier hineinschmuggeln konnten) damals auch nicht. Durch das exzellente Skript, die tollen Sprecher und die gekonnte Inszenierung werdet ihr Hauptfigur Welkin, Ex-Bäckersmaid Alicia, die burschikose Rosie, die stille Isara, den bärbeißen Largo und all die anderen mutigen Männer und Frauen der Einheit 7 schnell ins Herz schließen und mit ihnen fiebern, lachen, trauern und Siege feiern. Denn das ist die größte Stärke des Spiels: Selten gab ein Strategietitel dem Spieler ein Erfolgserlebnis beim Abschluss einer Mission wie Valkyria Chronicles. Kurzum: Wer an der PS3 spielt und nur eine minimale Affinität zum Strategiegenre mitbringt, der schuldet es sich selbst, dieses innovative Meisterstück auszuprobieren. Sega ist hier der ganz, ganz große Wurf gelungen.
Text Copyright Thomas Nickel 2008 Bilder Copyright Sega |