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Gorilla des Monats

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Premierenlesung: Die Zwerge von Amboss

zwerge Hamburg, Villa Verde, 30. Oktober 2008

Gelesen von Thomas Plischke

Die Zwerge von Amboss bei Amazon.de

In meinen Augen ist es ein Schlüsselwerk der deutschen Fantasy, das Ende Oktober in Deutschland erschien und am 30.10. offiziell von den Autoren vorgestellt wurde. Die Zwerge von Amboss ist der Auftakt einer siebenteiligen Reihe namens Die Zerrissenen Reiche, in der ebenso viel Arbeit wie konsequentes Denken steckt. Hier geht es um mehr als axtschwingende Bartträger, die sich durch Orkhorden marodieren, hier wird die Fantasy um etliche Dimensionen aufgewertet. 

Wobei man sich ja schon auf dünnes Eis bewegt, wenn man von „Aufwertung“ spricht. Allerorten schreitet das Genre Phantastik mit Riesenschritten in Richtung der sogenannten Salonfähigkeit und entwickelt sich in den Buchhandlungen zum Kassenschlager und winterlichen Hoffnungsträger. Gleich zu Beginn der Lesung in der Villa Verde in Hamburg-Eimsbüttel, einem zugleich schicken und heimeligen „Raum für Wein“, ruft Friedel Wahren, langjährige Lektorin und Phantastik-Beauftragte beim Piper Verlag, güldene Zeiten für das Genre aus. Erfolgsmeldungen wie der Verkauf von Markus Heitz' Reihe Die Zwerge nach England, Mitternachtspartys für Harry Potter und Eragon, die manchem Buchhändler noch in den Knochen stecken, Denis Schecks Lobpreis für Patrick Rothfuss' Roman Der Name des Windes in seiner Literatursendung Druckfrisch – es hat sich viel getan in Deutschland, seit 2001 Peter Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe die Kinos in Besitz nahm.

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Seit 2002 hat auch das Autorenteam Thomas Plischke und Ole Johan Christiansen, beide derzeit Doktoranden in Hamburg, stetig an einem eigenen Beitrag in Buchform gearbeitet, der in diesem Jahr nun auf die Leserschaft losgelassen wird.
Mit bummelig 70 Mann ist die Villa Verde gerammelt voll mit Freunden, Familien, Kollegen und Gorillas, das Projekt stößt offenbar mächtig auf Interesse. Nach Friedel Wahrens wirklich interessantem Vortrag über das „Erwachsenwerden“ der Fantasy beginnt ein abwechslungsreiches Programm von Christiansen und Plischke, in dessen Verlauf abwechselnd gelesen und aus dem Nähkästchen bzw. der Schreibmaschine geplaudert wird. Plischke trägt Textstellen vor, die die Vielseitigkeit dieses Romans unterstreichen, präsentiert die detailliert ausgearbeiteten Hauptfiguren und Settings und liest dabei flüssig und unterhaltsam.

Während der Präsentation des Romans wird deutlich, dass sich hinter Die Zwerge von Amboss etwas neues und ziemlich großes verbirgt. Schon seit einiger Zeit steht schließlich einem verzweifelten Hilferuf gleich die Frage im Raum, wie lange die deutsche Autorenschaft noch auf den Völker-Romanen herumreiten wolle, bis endlich mal etwas neues entwickelt würde. Und hier stehen nun Plischke und Christiansen und präsentieren einen völlig neuartigen phantastischen Roman, der die Grenzen des Genres sprengt. Der aufwändige Buchtrailer, den das Team gemeinsam mit Produzenten und einem Illustratoren entwickelt hat, ist zwar beeindruckend anzusehen, jedoch kommt die eigentliche Kraft, die in dem Roman steckt, dadurch noch nicht wirklich rüber.

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Die Autoren haben, betont Christiansen, zunächst die tradierten Verhältnisse in der Phantastik, wie sie von J.R.R. Tolkien überliefert und von nachfolgenden Schriftstellern ausgebaut wurden, konsequent zuendegedacht. Daraus ergeben sich völlig neue Konstellationen im Romanpersonal. Die titelgebenden Zwerge beispielsweise sind in der Phantastik bekannt als technisch sehr begabtes Volk, kurzbeinig, einer zünftigen Keilerei nicht abgeneigt, und gern und viel dem Bier zusprechend. Technologische Überlegenheit muss jedoch früher oder später auch zur Überlegenheit der Rasse bzw. Unterwerfung anderer Rassen führen, da können zum Beispiel die Menschen so vielseitig begabt sein wie sie wollen. Plischke: „Vielseitigkeit schützt vor keiner Gewehrkugel.“ So kommt es, dass die Zwerge in Die Zerrissenen Reiche die herrschende Rasse sind, die Menschen unterworfen haben, sie als Diener und Verrichter niederer Arbeiten benutzen und selten mit Vorurteilen gegen sie geizen. Daraus ergibt sich eines der Kernthemen des Buches, der Rassismus bzw. Faschismus nämlich. Es wird für den Leser klassischer Phantastik unangenehm sein, die Rollenverhältnisse so umgedreht zu sehen, und vielleicht auch, Zwerge über die eigene Rasse lästern zu hören.

Nicht nur sind die Rollen vertauscht, auch die Grenzen des Genres werden in Die Zwerge von Amboss aufgelöst, so dass andere Literaturgattungen freien Eintritt haben. Die Abenteuergeschichte ist vertreten, ebenso wie Thriller-, Drama- und Krimielemente. Vor politischen und historischen Themen wird kein Halt gemacht, und sind sie auch noch so unbequem und schwierig zu erfassen. Hier wird die Fantasy modernisiert, wenn nicht sogar komplett renoviert, und so mancher erprobte Leser merkt schnell, dass von dieser Reihe noch viel zu erwarten ist und dass sie hoffentlich auch für andere Autoren dazu beiträgt, die Phantastik nochmals neu zu erfinden und zu durchdenken. Denn dann muss sich Deutschlands Fantasy erstrecht nicht mehr verstecken.

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Das Ambiente in der Villa Verde trug viel dazu bei, aus dieser Lesung einen gelungenen Abend zu machen. Im Eintrittsgeld war ein Glas Wein enthalten (der geschätzte Schriftsteller Thomas Finn war zu diesem Anlass als Barmaid tätig), in der Pause gab es von den emsigen Mitarbeitern und Helfern handgemachtes Fingerfood. Die Autoren standen jedem für Fragen oder ein nettes Gespräch zur Verfügung, und die Buchhandlung im Schanzenviertel musste kaum Exemplare des Buches wieder mit in den Laden nehmen. Plischke, der unermüdliche signierte, schrieb wirklich jedem einen netten, persönlichen Satz in sein oder ihr Exemplar, und Christiansen machte eine gewagte Ansage: Sollte sich Die Zwerge von Amboss zum Bestseller entwickeln (was in etwa 20.000 verkaufte Exemplare bedeutet), so würde jeder, der an diesem Abend das Buch kaufe, Band zwei umsonst dazukriegen. Wir drücken die Daumen!

Text & Bilder-Copyright Anna-Selina Sander 2008

 
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