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Gorilla des Monats

bernie 
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Young Liars Vol. 1

cover largeAutor und Zeichner: David Lapham, Farben: Lee Loughridge

Erschienen bei: DC Comics / Vertigo

Preis: 9,99 US$

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Sadie hat eine Kugel im Kopf, aber das ist nicht so schlimm. So lange sich die Patrone nicht weiter durch ihre Hirnmasse bewegt, muss sie nicht sterben. Stattdessen tanzt sie tagelang, ohne müde zu werden. Hat jede Todesangst verloren. Beleidigt Menschen, die sie früher ihre Freunde nannte. Prügelt sich mit Kerlen, die ihr Körpergewicht drei- oder vierfach auf die Waage bringen (sie gewinnt natürlich immer). Und ist einem jammernden, egoistischen Typen namens Danny hörig, den sie vor dem Kopfschuss nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte. Sadie hat sich verändert.

Verändert haben sich alle Protagonisten von David Laphams grandioser neuer Vertigo-Serie Young Liars. Und nicht zum Guten. Egal wie alt sie auch sein mögen, sie sind ewige Teenager, die über ihren ganz persönlichen Sündenfall nicht hinwegkommen. Genau darum scheint es Lapham mit den völlig überdrehten Young Liars zu gehen: den Weg von kindlicher Unschuld zum angeblichen Erwachsensein, zur „Erfahrung“. Dafür könnte man sich auf den ersten Blick kaum eine bessere Metapher vorstellen als die Kugel, die wichtige Teile von Sadies Gehirn weggeschossen hat. Ihre Moralvorstellungen zum Beispiel sind so wohl vollends getilgt worden, genauso wie ihre Hemmungen und wohl auch die Folgen eines ganz speziellen Kindheitstraumas. Die Kugel hat sie aber nicht zur Erwachsenen, sondern zum völlig entfesselten Kind gemacht. Unter einer Handvoll Egomanen ist sie die Einzige, die nicht lügt; die Folie, gegen die die Verfehlungen ihrer Freunde überhaupt erst erkennbar werden.

Aber Lüge ist nun mal nicht gleich Lüge. Wenn die Serie Young Liars heißt, dann muss man sich zwangsläufig zuallererst die Frage stellen, worin für Autor/Zeichner Lapham denn nun die fundamentale Lüge seiner Hauptdarsteller besteht, die Klammer, in die sich die beständigen Flunkereien seiner Figuren fügen. Um sich an eine mögliche Antwort für diese Frage heranzutasten, ist ein Blick auf den Plot von Young Liars unabdingbar.

Die entfesselte Sadie ist tatsächlich der Mittelpunkt, um den sich Laphams Geschichte dreht. Die junge Frau ist die Tochter eines amerikanischen Supermarkt-Patriarchen und unter äußerst behüteten Umständen aufgewachsen. „Patriarch“ und „behütete Umstände“, das bedeutet hier allerdings die für Lapham typische grelle satirische Überzeichnung: Sadies Vater ist ein irrer alter Knacker, der in seinem inneren Kreis offenbar nur geistig und körperlich Behinderte beschäftigt, ein Heer von Geheimagenten und Profikillern befehligt und Sadie angeblich von ihrem bescheuerten Halbbruder mit „Nazi-Spinnen vom Mars“ schwängern lassen wollte (wer sich hier an gewisse David Bowie-Eskapaden erinnert fühlt, liegt genau richtig). Sadie flieht verständlicherweise aus dem Schoße dieses amerikanischen Alptraums und begibt sich in New York unter die Hipster und Bohemian Losers im Greenwich Village – bis die deutschstämmigen Porno-Midget-Agenten ihres Vaters sie dort finden und gewaltsam wieder auf die Farm schaffen wollen.

Kurz darauf ist Sadie mit ihren Hipster-Freunden auf der Flucht vor den „Pinkertons“ ihres Vaters. Ihre Begleiter bieten dabei einen schönen Überblick von Klischees moderner Tunichtgute - da gibt es eine mollige Drag Queen, ein bulimisches Ex-Model, einen professionellen Sohn reicher Eltern, ein neurotisch-syphilitisches Groupie und Danny, den gescheiterten Rockstar. Auf dem Weg durch die ersten sechs Kapitel, die in diesem Band abgedruckt sind, lügt sich diese Freakshow konstant über die Seiten. Man betrügt einander, paktiert mit den „Pinkertons“ und hintergeht vor allem sich selbst. Aber warum?

Lapham erzählt diese Geschichten moderner Lebenslügen keinesfalls dekomprimiert, sondern entgegen modernen Trends im Mainstream-US-Comic überaus dicht. In seinen meisterhaft komponierten Panels passieren oft jede Menge Dinge gleichzeitig, überschneiden sich Plots und die Subjektiven seiner Figuren und kommentieren einander. Und gerade an der Erzählhaltung lässt sich ein erster Ansatzpunkt zur Definition der „Lapham’schen Lüge“ finden. Wenn hier in jedem zweiten, dritten Panel verschiedene Blicke auf die Welt aufeinanderprallen, dann verwirrt das nicht nur uns als Leser, sondern vor allem Laphams Figuren. Sie kommen nicht damit klar, dass die Träume und idealistischen Versprechen ihrer Kindheit – Du kannst ein Rockstar werden! Es gibt nichts Besseres als ein wunderschönes Model zu sein! – sich als hohle soziale Konstrukte erwiesen haben. Sie müssten jetzt ihre eigene Lüge vom Leben entwerfen, eine funktionierende. Aber sie klammern sich alle immer noch an grandiose Versprechen, vor allem Danny. Für den ist Sadie sein „Projekt“, seine „Mission“, die große Sinnstifterin.

Lapham erzählt also von der Tragödie des Menschen, der das ganz Große will – aber es gerät ihm nur noch zur Farce, zur vollends absurden Lüge, korrumpiert ihn immer weiter und unaufhaltsamer. Selbst als Danny für sein manisches Festhalten an der Lebenslüge auf's Bestialischste körperlich bestraft wird, hält er noch am „Projekt Sadie“ fest. Laphams Figuren verabschieden sich so von ihrer Körperlichkeit und diskutieren lieber selbst noch im verstümmelten Zustand darüber, welche Nation die besseren Punkbands hervorgebracht hat – die USA oder Großbritannien?

Nicht nur diese so scharfsinnige Verhandlung von moderner Identitätsfindung macht Young Liars zur besten neuen Serie, die Vertigo seit Jahren hervorgebracht hat. Laphams legitimer Stray Bullets-Nachfolger lebt auch von wunderbaren Dialogen, ausdrucksstarker Mimik, rasendem Erzähltempo und Lee Loughridges plastischer Pop Art-Kolorierung. Hängen bleibt aber vor allem dieses zentrale, existenzielle Bild von der Kugel in all unseren Köpfen. Diese eine Kugel, die bleibt, und uns eigentlich an die eigene Körperlichkeit erinnern sollte. Solange wir sie nicht wie Laphams Young Liars einfach ignorieren.

Text Copyright 2008 Jochen Ecke
Young Liars, Cover, Artwork Copyright Lapham Inc./ DC Comics / Vertigo

 
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