System: Windows PC USA (2006), Produzent: Dan Connors Konzept: Steve Purcell, Musik: Jared Emerson Johnson, Designer: Dave Grossman, Brendan Q. Ferguson
Entwickler: Telltale Games Erschienen bei: Telltale Games Preis: ca. €7 pro Episode, €27 im Abo Lang genug hat es gedauert, aber nach 13 Jahren des Wartens sind unsere Straßen endlich wieder sicher. Sam und Max, das dynamische Verbrecherjägerduo aus der Blütezeit des Adventure-Genres ist wieder im Einsatz, und diesmal muss sich das Gesindel warm anziehen! Sam and Max Hit the Road, das interaktive Debüt des sarkastischen Hundedetektivs Sam und seines soziopathischen Karnickelpartners Max gehört mit gutem Grund zu den beliebtesten Adventures der Neunziger. Staubtrockener Humor, eine surreale Handlung, zahllose zitierwürdige One-Liner, wunderschön handgezeichnete Cartoon-Grafik und ausgewogene Rätselkost haben dem Lucasarts-Spiel unsterblichen Referenzstatus verliehen. Um so erstaunlicher also, dass eine Fortsetzung so lange auf sich warten ließ. Wer jedoch die Querelen hinter den Kulissen mitverfolgt hat, weiß, dass wir schon dankbar sein sollten, überhaupt ein neues Spiel mit den freiberuflichen Ungezieferjägern in die Hände zu kriegen.   Schon in Hit the Road gab es Bosco's Inconvenience Store. Jetzt kann man das ominöse Geschäft näher unter die Lupe nehmen. Rechs: Auch in Culture Shock hinterlassen Sam und Max mit ihrem Desoto eine Spur der Zerstörung!
Nachdem vor einigen Jahren bereits einen weit in der Entwicklung fortgeschrittene Fortsetzung von Lucasarts gnadenlos eingestampft wurde, sah es eine Weile lang zappenduster aus. Und selbst als der zu einem Großteil aus ehemaligen Lucasartslern formierte Entwickler Telltale Games sich die Rechte für das diabolische Duo sicherte, wollten die Zweifler nicht verstummen. Wer könnte schon garantieren, dass das Spiel wirklich gut, geschweige denn veröffentlicht wird? Aber jetzt ist die Zeit des Bangens vorbei. Sam & Max können ihren Zweiflern endlich das Maul stopfen, denn Sam & Max Episode 1: Culture Shock ist ab dem 1. November offiziell erhältlich. Und es ist glorreich geworden! Kommen wir erst einmal zur markantesten Neuerung. Wer sich im Vorfeld informiert hat, weiß es bereits: Culture Shock ist lediglich die erste Episode einer fortlaufenden 6-Episoden-Saga, die über das nächste halbe Jahr hinweg veröffentlicht wird. Wie schon bei ihrer interaktiven Interpretation des Kultcomics Bone haben die Leute von Telltale für Sam & Max ein Format gewählt, das dem einer Fernsehserie ähnelt. Die einzelnen Folgen sind, für sich betrachtet, relativ kurz und dürften selbst Einsteigern kaum mehr als 4 Stunden ihrer Freizeit abverlangen. Dafür stimmt allerdings auch der Preis – gerade mal 8,95$ (bzw. ca. 7,- Euro) pro Episode oder 34,95$ (ca. 27 Euro) für die gesamte Staffel im Abo können sich sehen lassen. Vor allem, wenn der Inhalt stimmt.   Links: Sam bei der lange überfälligen Psychoanalyse. Rechts: Das Büro des dynamischen Duos hat sich seit Anno Tobak kaum verändert.
Und stimmt er? Aber hallo. Und zwar nicht zu knapp! Dass Culture Shock gut wird, war eigentlich von vornherein klar. Mit Adventure-Vetreranen wie Dave Grossman und Sam & Max-Erfinder Steve Purcell an Bord kann es eigentlich auch kaum schief gehen. Aber dass dieses Spiel dermaßen mit der Konkurrenz den Boden polieren würde, war wirklich nicht abzusehen. Und damit sind wir bei der Frage, die sich wahrscheinlich jeder stellt: Wie wirkt sich die Unterteilung in mundgerechte Episodenhäppchen auf den Spielspaß aus? Erstaunlich gut! Gerade im Vergleich zu Telltales Debüt Bone, dessen erste Episode die undankbare Aufgabe hatte, als Setup für eine epische Fantasysaga herzuhalten. Das erste Kapitel von Bone entsprach dem ersten Kapitel des Comics, war aber von seiner narrativen Struktur her für ein Computerspiel nicht wirklich geeignet, und vermochte kaum das Gefühl einer in sich geschlossenen Handlung zu vermitteln. Sam & Max hingegen können vom ersten Moment an voll durchstarten. Es gibt keinerlei Ballast, keine langwierige Exposition, und wenn schließlich der Abspann über den Monitor flimmert, hat man wirklich das Gefühl eine komplette Geschichte von A-Z gespielt zu haben. Und trotz alledem lassen die Entwickler genügend Handlungsfäden im Raum baumeln, um das Warten auf die nächsten Episoden zur unerträglichen Qual zu machen. Ganz im Sinne von Max also!   Max verhört mal wieder eine ganz miese Ratte. Eine ideale Chance, um dem verkommenen Subjekt das Wort Amtsmissbrauch am lebendigen Beispiel zu erklären! Der größte Erfolg des Telltale-Teams ist aber die unglaubliche Kreativität, die in jede Nanosekunde des Spiels gepackt wurde. Der Humor von Sam & Max ist noch sarkastischer, noch zynischer, und noch trockener als in den Neunzigern. Und das ist auch gut so, denn schließlich wartet das Spiel mit einer absolut vorbildlichen Interaktionsdichte auf. Zu jedem Gegenständ gibt es einen blöden Spruch, und jeder Ort bietet kreative Einsatzmöglichkeiten fürs Inventar, die zwar für die Lösung des Spiels nicht obligatorisch, für Fans schwarzen Humor jedoch absolute Pflicht sind. In welchem anderen Spiel kann man schließlich Guter Bulle/Böser Bulle spielen, paranoiden Einzelhändlern den letzten Nerv rauben, zur freudianischen Traumdeutung gehen, und abgewrackte Kinderstars mit dem Colt ins Visier nehmen? Eben! Im Gegensatz zu ihren hauptberuflichen Exekutive-Kollegen wissen die Jungs von der Freelance Police halt immer noch was sich gehört! Aber gilt das auch für die Puzzles? Kommt drauf an – dem einen oder anderen Hardliner könnte das Comeback der tierischen Ordnungshüter ein wenig zu leicht sein. Wirkliche Schwierigkeiten hat man kaum, und Verzweiflung kommt eigentlich nie auf. Aber ist das ein Nachteil? Wenn man Adventures für die Atmosphäre, den Humor, die Handlung, und/oder Interaktion mit der Umwelt spielt, garantiert nicht. Myst-Freunde, die sich gern mit extraharten Kopfnüssen den Kopf zerbrechen, werden hier garantiert nicht fündig, alle anderen freuen sich jedoch, dass die Jungs ihren Initialen in Sachen Schwierigkeitsgrad keine Ehre machen. Was soll man also noch sagen? Trotz einer Abkehr vom 2D-Look, neuer Sprecher und einem neuen Entwickler hat die Freelance Police ihre Feuerprobe mit Bravour bestanden. Egal ob ihr nostalgische alte Zausel oder interessierte Neulinge seid, die einfach mal ins Genre reinschnuppern wollen, Sam & Max bieten die perfekte (Wieder-)Einstiegsdroge in die oft so stiefmütterlich behandelte Spielegattung. Also worauf wartet ihr noch? Geht jetzt endlich zur Telltalle-Seite , und ladet Culture Shock runter. Hier gibt es nichts mehr zu sehen! Oder doch? Richtig, da war ja noch was: Ein Interview mit Steve Purcell und David Grossman findet ihr hier .
Text Copyright 2006 Peter Clausen Bilder Copyright Telltale Games
|